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Magic Hampi


 
   

Bombay, 22. Februar 2000

Hallo Leute

Mittlerweile bin ich schon in Bombay angekommen und Hampi, dieser magische Ort ist eigentlich schon Geschichte. Die Erlebnisse dort haben aber meine Reise so nachhaltig geprägt, dass ich die vier Wochen Aufenthalt dort mein Leben lang nicht vergessen werde. Es sind viele kleine Erlebnisse, ausserordentliche Spots und interessante Leute, die ausschlaggebend waren, die ich aber in diesem kurzen (sorry, für mich mittlerweile kurzen) Bericht schwerlich wiedergeben kann. Hampi muss man erlebt haben. Ich werde aber trotzdem versuchen, Euch kleinen Eindruck davon zu vermitteln.

Die gut zehn Stunden Busfahrt von Goa nach Hampi in Karnataka waren ein Alptraum. Was sich eigentlich 'Sleeper-Bus' nannte, war in Wirklichkeit ein klappriger Kaninchenstall auf Rädern und darin wurde ich auf meiner handtuchgrossen Pritsche die ganze Nacht von der Hinterachse malträtiert. In Hampi angekommen fühlte ich mich wie frisch überfahren, kombiniert mit einer Sinusitis und einem hartnäckigen Husten muss ich ein jämmerliches Bild abgegeben haben. Egal, hauptsache ich bin endlich an dem Ort, wo mir so viele Leute davon erzählt haben, ich mir aber dennoch kein Bild davon machen konnte. Hampi oder Vijayanagar war einmal die Hauptstadt des grössten hinduistischen Reiches Indiens. Im 16. Jh. lebten dort gegen eine halbe Million Leute und ein Heer von einer Million Söldner soll das Reich von den bösen Muslimen beschützt haben. Dieses Zentrum des internationalen Handels wurde aber trotzdem 1565 von einer Horde Sultane mit Begleittrupp geplündert und in einem gewaltigen Blutbad weitgehend zerstört. übriggeblieben sind gegen tausend Einwohner, unzählige beeindruckende Ruinen von Tempel- und Befestigungsanlagen, die von der UNESCO zum Erbe der Menschheit erklärt wurden und eine Landschaft, die auf dieser Erde wahrscheinlich einzigartig ist. Am auffälligsten sind sicher die unzähligen Hügel, aufgeschichtet aus gigantischen kieselsteinförmigen Felsen, die je nach Sonneneinstrahlung rötlich, golden oder ockerfarben scheinen. Was aussieht, als habe der Gott Hanuman zwischendurch mal mit Steinen gespielt, ist wahrscheinlich durch die Bewegung eines gewaltigen Gletschers aus der Eiszeit entstanden. Andere meinen, es sei ein gewaltiger Fluss gewesen, wieder andere machen einen Meteoriten für die Form und Anordnung der Steine verantwortlich. Wie dem auch sei, der Anblick ist atemberaubend und ich komme mir vor wie eine Ameise in einem ausgetrockneten Flussbett. Weit und breit stöhrt keine Siedlung und keine Strasse die Szene, deshalb ist es an fast allen Stellen absolut still und ruhig.. Die Hügel liegen auf einer riesigen Ebene, die fast ausschliesslich mit Reis bepflanzt wurde, dazwischen sieht man Kokospalmehn, Wälder aus Bananensträuchern und Flüsse, die das karge Land mit genügend Wasser versorgen. In den wenigen Siedlungen der Reisbaürn findet ein Leben wie vor 2000 Jahren statt. Büffel und Ochsen sind die Maschinen, Hände und einfache Hacken die Werkzeuge. Fraün in bunten Saris setzen mit gebäugtem Oberkörper in langen Reihen sindend die Setzlinge, während die Männer im benachbarten Feld mit mehreren Ochsengespannen hintereinander das Feld pflügen. Ich möchte den Ausdruck nicht schon wieder verwenden, aber hier siehts wirklich aus wie im Paradies!

In Hampi angekommen, machen wir uns erst mal auf die Suche nach einer Unterkunft und überqüren in Hampi den Fluss mit einer Fähre, die aussieht wie ein überdimensionierter Einkaufskorb aus Bambus. Am anderen Ufer, gleich neben den Reisfeldern, befinden sich dann ein paar wenige Güsthouses. Viele Traveller, es ist schliesslich kurz nach Neujahr, sind wie wir auf der Suche nach Unterkunft. Aber sogar die einfachsten Hütten aus Kuhscheisse mit Strohdach und ohne Bett sind restlos ausgebucht, von netten Zimmern mit Bad/WC und Veranda ganz zu schweigen. Notgedrungen quartieren wir uns vorerst bei einer Art Farm mit Gästezimmern auf dem Dach ein. Dort bekommen wir für 80 Rappen eine schmale, dünne und versiffte Matratze auf dem nackten, staubigen Betonboden. Zweckoptimismus ist angesagt, immerhin regnet es nicht, mein allgemeiner Zustand verbessert sich dadurch aber wenig. Dass mit diesem Quartier eine unvergessliche Zeit beginnt, hätte ich zu diesem Zeitpunkt kaum vermutet. Ein Monat unter freiem Himmel beginnt.

Das Güsthouse wird von einer äusserst kuriosen Familie geführt. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass es eigentlich eine Farm mit vielen Kühen, Ochsen, Kälbern, Hühner und Reisfelder ist, die über ca. zwanzig Schlafmöglichkeiten verfügt. Der Grossvater Ram ist das unbestrittene Familienoberhaupt und hat sich entsprechend der vedischen Lebensweise von Frau und Besitz verabschiedet und fristet nun sein Leben zeitungslesend und stänkernd draussen auf einem klapprigen Bett im 'Restaurant' auf dem dungwasserimprägnierten Lehmboden. Er erzählt oft und gerne von seinem guten Sohn und von seinem schlechten Sohn. Der Gute führt nebenan ein blitzblankes Resort mit schmucken Strohhüttchen. Der Schlechte säuft und kifft den ganzen Tag, dealt mit allen Arten von Dope, hat absolut keine Manieren und leitet zu allem überfluss noch unsere Güstfarm, um die er sich überhaupt nicht kümmert. Mit dem allem und seinen zwei Ehefrauen kommt er überhaupt nicht klar und Big Daddy scheisst ihn dafür den ganzen Tag kräftig zusammen. Die beiden Ladys sind für die Küche zuständig und können bei meiner Ankunft kein Wort Englisch und kochen ohne Plan wild drauf los. So wird jede Bestellung zu einem Thriller, dessen Ende nie voraussehbar ist. Dann sind noch vier Kinderlein, die alle sehr nett sind und auch regelmässig zur Schule gehen. Mit diesen komischen aber keineswegs unsympatischen Gestalten leben wir sozusagen 24 Stunden zusammen, benutzen dieselbe Toilette und dieselbe Dusche. Gibt es eine bessere Sozialstudie über das Verhalten der Inder?

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      "Toms Reisen" © by Tom Schaich